Gestalttherapie - Was ist denn das?

 

Im Klappentext seines wunderbaren Buches „Gras unter meinen Füßen. Eine ungewöhnliche Einführung in die Gestalttherapie.“ schreibt der Autor Bruno-Paul de Roeck: „Bei der Gestalttherapie geht es um dich und mich und um unsere Erfahrung hier und jetzt. Um Wachstum: spontaner, lebendiger und glücklicher sein. Deinen eigenen Kern mehr wertschätzen. Neue Schritte riskieren. Von der Psychotherapie erwartet man, dass sie Menschen anpasst und sie wieder in das gesellschaftliche Joch einspannt. Gestalt versucht, angepasste Menschen, die in ihrem Joch nicht glücklich sind, wieder auf eigene Füße zu stellen.“

 

Es geht in der Gestalttherapie nicht darum, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sondern darum, wieder eine Wahl zu haben, die Dinge, Gegebenheiten, Gefühle usw. in die eigene Hand zu nehmen, damit sie wieder handhabbar werden, dass wir erkennen, dass WIR nun die Verantwortung haben für unser Leben. Die Gestalttherapie gründet auf einem humanistischen Menschenbild und versteht das Potenzial als in uns angelegt. Dass es in uns einen ureigenen Kern gibt, dass wir alle Fähigkeiten, die wir benötigen, bereits in uns tragen. Sie sind nur verdeckt, vergraben, noch nicht erblüht, gewachsen.

 

Nur kurz am Rande - da ich selbst einige Jahre als vertragsärztliche Psychotherapeutin im Krankenkassen-system gearbeitet habe - möchte ich anmerken, dass man bei diesem Wörtchen ´man´ noch mal genau hin schauen darf, wer alles damit gemeint sein könnte, denn jeder -  die Krankenkassen, die Arbeitswelt, der jeweilige Psychotherapeut und schließlich auch der jeweilige Mensch - können ganz unterschiedliche Vorstellungen von Psychotherapie und Erwartungen an Psychotherapie haben. Ich jedenfalls habe häufig erlebt, dass Menschen wieder funktionieren sollen - auf der Arbeit, für das System, für die Familie, für sich selbst usw. und dass der Mensch sich so vielfältigen Erwartungen ausgesetzt erlebt. Aber was bedeutet ´funktionieren´ denn überhaupt für den einzelnen Menschen, der sich auf den Weg macht, der etwas verändern will, der glücklicher, zufriedener sein möchte? Er sucht Orientierung bei anderen Menschen, aber wie findet er heraus, was für IHN stimmt? Und was soll in seinem Leben wieder oder überhaupt funktionieren? Will er eine Partnerschaft führen, die ihn erfüllt? Will er in einem Beruf arbeiten, in dem er aufgeht und seine Talente und Fähigkeiten so richtig Platz finden, sich entfalten dürfen? Wie will er mit sich selbst, wie mit anderen Menschen, Tieren umgehen? Nimmt er seine Gefühle wahr? Was macht er mit den Gefühlen? Weiß er was er braucht? Was ihm gut tut? Was ihm schadet? Wie findet er das heraus? Und wenn im Außen dann noch Vieles nicht stimmt oder auf ihn ein prasselt, wie und wann soll er denn da auch noch nach innen schauen? Und kann er es überhaupt? Weiß er, wie das geht?

 

Wie Sie sehen ist das mit der Anpassung oder nicht-Anpassung, mit dem was der jeweilige Mensch möchte unter Umständen gar nicht so einfach herauszufinden. Wir sind alle Individuen und dennoch brauchen wir Orientierung. Gestalttherapie schafft einen Raum, in dem all das erforscht werden kann. Dem nachgehen, was gerade in diesem Moment auftaucht, eine Rolle spielt, beschäftigt, belastet, festhält, fehlt usw. Die Rolle des Therapeuten ist für mich die eines ‚Reiseführers‘, um es mit den Worten Irvin D. Yaloms zu sagen. Er hat die ‚gemeinsame Reise‘ in seinem wundervollen Buch „Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht“ wie folgt beschrieben: „Ich betrachte meine Patienten und mich am liebsten als gemeinsam Reisende, ein Begriff, der die Unterscheidung zwischen ihnen (den Leidenden) und uns (den Heilern) aufhebt. Im Laufe meines Lebens habe ich erkannt, dass diese Vorstellung ein Mythos ist. Wir sind alle gleichermaßen betroffen und kein Therapeut und auch sonst niemand ist befreit gegen die inhärenten Tragödien des Daseins.“ Das bedeutet, dass wir alle betroffen sind, Schicksalsschläge, Schwierigkeiten usw. erleben, dass der Therapeut keineswegs DIE Lösung kennt, aber bereits einiges an Erfahrung am „Reisen“ hat und zur Orientierung einen Rahmen bereitstellen kann, in dem der jeweilige Mensch mehr über sich selbst erfahren kann.

 

Gestalttherapie bietet die Möglichkeit, jenseits von rationalem Überlegen und Verstehen, so wie wir es oft gewohnt und gut darin geübt sind, neue Zugangswege zu eröffnen. Unser emotionales Erleben und unser Körperempfinden sind so intelligent, bringen uns auf ganz neue Ideen, lassen uns Teile von uns selbst ganz anders erfahren und begreifbar machen. Spannenderweise ist es nämlich so, dass sich der Verstand oft Dinge ausdenkt und einschätzt, die sich emotional und körperlich dann aber ganz anders zeigen. Um ein Beispiel zu nennen: Sie haben den Wunsch, einen Partner zu finden, aber aufgrund ihrer Vorerfahrungen Angst, wieder schlechte Erfahrungen zu machen, wieder „den Falschen“ zu erwischen. D.h. der Verstand bezieht die Vorerfahrungen ein, hilft Ihnen dabei, sich nicht blauäugig in irgendwas hinein zu stürzen. Gleichzeitig hält er Sie aber von Ihrem Wunsch ab, Ihrer Sehnsucht nach einer Beziehung. Dies ist ja ebenfalls da und damit gibt es ein Dilemma zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Angst und Sehnsucht. Es ist eine „offene Gestalt“. Sich in einer Gestaltübung mit der Angst oder Sehnsucht auseinander zu setzen, sich in diese Angst oder Sehnsucht bewusst hinein zu begeben, diese zu spüren, vielleicht sogar zu verstärken, kann Sie dahin führen, ihr noch mehr auf den Grund zu gehen und dabei etwas anderem, vielleicht etwas Neuem auf die Spur zu kommen. So könnte sich plötzlich eine Wut zeigen, die Sie bis dahin gar nicht spüren konnten, nie vermutet hätten. Vielleicht ist es sogar eine alte Wut aus früheren Zeiten, die bislang nicht gefühlt werden durfte. Eine Wut darüber, was Sie alles mit sich haben machen lassen, was Sie alles haben erdulden müssen. Als Kinder haben wir keine Wahl. Wir werden in eine Welt hinein geboren, in der wir uns zurechtfinden müssen. Wir passen uns an. Als Erwachsene haben wir eine Wahl, fühlen uns aber oft noch wie damals als Kind, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Der Verstand kann es noch nicht erfassen, was Körper und Gefühl bereits wissen.  

 

In seinem wunderbaren Buch „Die Kraft der Gegenwart“ beschreibt Eckert Tolle, „Du hast eine Wahl. Du bist nicht nur ein Bündel konditionierter Reflexe. Aber dazu brauchst du Zugang zur Kraft der Gegenwart.“ Wenn die Angst in Ihnen vorherrscht, können Sie sich das zunächst nicht vorstellen. Aber es ist so: Sie haben eine Kraft in sich, eine Stärke, mit der Sie Ihr Leben neu ausrichten können. Ausrichten kann auch bedeuten, dass Sie sich bewusst entscheiden, noch in der Angst zu bleiben. Es gibt kein gut oder schlecht, richtig oder falsch, sondern ein: so stimmt es jetzt für mich. Oft verteufeln wir Menschen unsere Schwächen oder bestimmte Verhaltensweisen und ja, manche schaden uns auch, wenn wir diese beibehalten. Dennoch ist es wichtig, all das auch als Fähigkeit zu sehen, denn es hat geholfen zu überleben oder mit bestimmten Bedingungen zurechtzukommen. Genauso wichtig ist es aber auch zu prüfen, ob Sie heute so noch mit sich umgehen wollen. Und auch wenn Sie sich nicht vorstellen können, wie Sie aus dieser Angst je herausfinden sollen, wie Sie aus dem alten Trott aussteigen könnten, so ist es dennoch möglich. Gestalttherapie kann helfen, Möglichkeiten sichtbar zu machen, indem wir gemeinsam Ihrem Erleben im Hier und Jetzt nachgehen. Dann kann es dazu kommen, dass Sie sich für eine neue Partnerschaft entscheiden, es doch noch einmal wagen, aber auf neue Art und Weise. Vielleicht haben Sie erkannt, dass Sie mit sich selbst nicht liebevoll umgehen können und ziehen daher unbewusst einen Partner an, der auch nicht liebevoll mit Ihnen ist. Nun können Sie sich dafür entscheiden, die Verantwortung für sich zu übernehmen und Selbstliebe zu lernen. Oder sie haben erspürt, dass Ihre Sehnsucht nach einem Partner, der Sie immer versorgt, so groß ist, weil Sie das als Kind nie erleben konnten. Nun können sie sich dafür entscheiden, die Verantwortung für sich zu übernehmen und liebevolle Selbstfürsorge zu lernen. Der Schlüssel liegt also in Ihnen, und zwar nicht als Vorwurf, sondern als Chance, als Möglichkeit und Fähigkeit in Ihnen. Viele Menschen geben sich selbst die Schuld daran, dass ihr Leben schlecht ist und bestrafen sich selbst unbewusst dafür, dass sie es nicht hin kriegen und das ist überhaupt nicht hilfreich, sondern sehr selbstschädigend. Sie haben all Ihre Liebe verdient!

 

Wenn Sie mögen, begleite ich Sie gerne ein Stück auf ihrem Weg der Selbsterkenntnis und Veränderungsmöglichkeit.

 

In Liebe,

Ihre Corinna Schaub

 

~ Ich glaube daran,

dass das größte Geschenk,

das ich von jemandem empfangen kann, ist,

 gesehen, gehört, verstanden und berührt zu werden.

Das größte Geschenk,

das ich geben kann, ist,

den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren.

Wenn dies geschieht,

entsteht Beziehung. ~

Virginia Satir